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Der neue US-Präsident wagt mit seiner Ausgabenpolitik ein gewaltiges Experiment. Aber die Anleger verzeihen ihm sogar Steuererhöhungen.

Von wegen „Sleepy Joe“. So nannte Donald Trump im Wahlkampf gerne seinen Herausforderer Joe Biden. Und selbst dessen Anhänger hatten wegen des zurückhaltenden Auftretens und des hohen Alters des 78-Jährigen Sorgen, er könnte ein schwacher Kandidat sein.

Doch seit seinem Amtsantritt hat der US-Präsident keine Minute verstreichen lassen: erst ein knapp zwei Billionen Dollar schweres Konjunkturprogramm, jetzt ein Infrastrukturprogramm, das zum Teil auch ein soziales Programm ist, etwa zur Verbesserung der Gesundheitsvorsorge. Dazu kommen noch Ausgaben für die Klimapolitik.

Biden will einen Teil der Ausgaben durch höhere Steuern wieder reinholen. Am Donnerstag reagierten die Märkte verunsichert, als neue Pläne zur Besteuerung von sehr wohlhabenden Investoren durchsickerten.
Anleger fragen sich: Geht die Politik Bidens für die Märkte weiter auf? Anleiheexpertin Pilar Gomez-Bravo von der Fondsgesellschaft MFS sieht in Bidens Politik ein „Experiment“. Die Märkte scheinen zu glauben, dass es funktioniert. Sie haben jedenfalls bereits zweimal Bidens Steuerpläne recht locker verkraftet.

 

Höhere Abgaben für Unternehmen und Aktionäre

Zuerst schlug der US-Präsident vor, die Unternehmensteuern von 21 auf 28 Prozent anzuheben und damit zum Teil die Senkung seines Vorgängers rückgängig zu machen. Diese Erhöhung würde direkt auf das Ergebnis je Aktie der Unternehmen durchschlagen. Die Börse steckte die Nachricht aber schnell weg. Überdeckt wurde sie von der Aussicht auf steigende Gewinne durch die Öffnung der Wirtschaft, ermöglicht durch eine schon von Trump eingestielte erfolgreiche Impfstrategie. Aufmerksamkeit finden vor allem Aktien, die von einem Anspringen der Konsumlaune profitieren.

Am Donnerstag kam der nächste Schlag. Er richtet sich direkt gegen die Anleger. Die Vorschläge umfassen eine Anhebung des Grenzsteuersatzes von 37 auf 39,6 Prozent. Für Leute mit einem Einkommen von über einer Million Dollar soll sich zudem der Steuersatz für Kapitalgewinne auf 39,6 Prozent fast verdoppeln. Weil es zusätzlich noch eine Extrasteuer auf Investmenteinkommen gibt, steigt die Gesamtbelastung damit über 40 Prozent. Außerdem ist im Gespräch, bei Erben auch die Kapitalgewinne des Vorbesitzers mit zu besteuern.

 

Ruhe am Anleihemarkt

Vor einigen Wochen kam die Unruhe aus einer anderen Quelle, die aber auch mit Bidens Politik zusammenhing: vom Anleihemarkt. Die Ausgabenpläne der Regierung weckten die Sorge, unterstützt von bekannten Ökonomen wie Larry Summers und Olivier Blanchard, die Inflation könne ans Laufen kommen. Die Renditen der US-Staatsanleihen zogen deutlich an. Zum Teil, meint Expertin Gomez-Bravo vom Fondsmanager MFS, sei dieser Anstieg aber auch eine Prämie für das Risiko, dass das große Experiment nicht gelingt. Zuletzt haben sich die Anleihen jedoch wieder beruhigt. Die Rendite des zehnjährigen Papiers bewegt sich zwischen 1,5 und 1,6 Prozent, nachdem sie zuvor schon Richtung 1,8 Prozent hochgelaufen war. Gomez-Bravo kommentiert: „Wir sehen langfristig höhere US-Renditen, aber keinen unkontrollierten Anstieg.“

Nimmt man das große Bild, so zeigt sich also: US-Aktien profitieren stark von Bidens Politik, und das auch aus guten Gründen. Zugleich stellt sich aber die Frage, ob die Anleger so sorglos darauf vertrauen sollten, dass das große Experiment gelingt.

 

Wie können sich Anleger positionieren?

Wer an Bidens Strategie glaubt, kann sehr einfach mit einem börsengehandelten Fonds (ETF) auf den US-Aktienindex S&P 500 setzen.
Die Analysten von Goldman Sachs haben kürzlich eine Empfehlung speziell für den Bereich gegeben, der mit „Consumer Discretionary“ bezeichnet wird, also Konsum, der nicht für den täglichen Bedarf gedacht ist.
JP Morgan empfiehlt, darauf zu wetten, dass der sehr breite US-Aktienindex Russell 2000 sich besser entwickelt als der Tech-Index-Nasdaq: Bei einer umfassenden wirtschaftlichen Erholung profitieren besonders auch die kleinen Werte. Außerdem setzt JP Morgan unter anderem auf die Finanzen und Energie.
Die US-Politik hat weltweite Auswirkungen. Die DZ Bank sieht gut Chancen für deutsche Autobauer, den Maschinenbau und die Pharmaindustrie, an dem amerikanischen Aufschwung teilzuhaben. Mit einem Anteil von 8,1 Prozent an den deutschen Exporten waren die USA im Jahr 2020 der wichtigste Abnehmer für hiesige Unternehmen, vor China, Frankreich und den Niederlanden. Indirekt profitiert also auch der deutsche Aktienmarkt.

 

Fazit: Amerika bleibt auch für Anleger ein großes Abenteuer. Interessant ist aber, dass Biden mit Hochdruck ziemlich genau seine Wahlversprechen umsetzen will und trotz hoher Risikobereitschaft zugleich auch darauf achtet, dass die Programme in sich stimmig sind. Er setzt, wie das „Wall Street Journal“ neulich analysierte, darauf, in einigen Branchen Exzellenz an den Weltmärkten zu zeigen und zugleich, unter anderem durch höhere Gesundheitsausgaben, den

Dienstleistungssektor als Jobmaschine einzusetzen. Wenn das gelingt, werden das auch die Investoren spüren.

Quelle: (handelsblatt.com)